Die aktuelle Predigt

6. Sonntag der Osterzeit: Joh 15,9-17

(Linz − Ursulinenkirche, 9. V. 2021)

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Wieder einmal so ein Evangelien-Wort, das irritieren müsste, wäre es den meisten von uns nicht schon allzu vertraut: „Dies gebiete ich euch: Liebt einander!“ – „No na!“, mag man denken. „Natürlich ist das Liebesgebot das wichtigste Gebot der Bibel. Das kennen wir ja auch aus anderen Passagen!“ – Aber kann es so etwas denn überhaupt sinnvoller Weise geben: einen Auftrag, eine Verpflichtung, ein Gebot zur Liebe?!? Jemanden also lieben aufgrund einer sittlichen Verpflichtung oder aus religiösem Pflichtbewusstsein? – Ist das nicht ein absurder Gedanke? Gehört es nicht gerade zum Wesen der Liebe, dass sie freies Geschenk ist? Gerade in dieser freien Geschenkhaftigkeit gründet doch ihr Geheimnis: ihre Schönheit, ihr Glück, ihre Heilkraft. Tappt das christliche Liebesgebot nicht in genau jene Falle, auf die eine alte Weisheit verweist, wonach gilt: „Wenn Menschen Liebe befohlen wird, lernen sie nicht lieben, sondern befehlen.“?

Nein, so wenig wie man um einer Norm willen lieben kann, so im Letzten absurd es ist, einen Auftrag zur Liebe zu formulieren, und so wenig kann es übrigens auch einen rechtlichen oder sittlichen Anspruch auf Liebe geben! – Ein Mensch kann fordern, dass man seine Würde respektiert, dass ihm mit Fairness begegnet wird, dass an ihm so gehandelt wird, wie man auch von ihm erwartet, behandelt zu werden. Aber das bedeutet doch noch lange nicht Liebe! – Als gelernter Theologe meine ich jetzt natürlich nicht einmal die erotische Spielart davon, sondern ohnehin „nur“ das, was die griechische Bibel mit ἀγάπη (agape) bezeichnet und gemeinhin mit Nächstenliebe übersetzt wird, also die eher sozial-caritative Spielart von Liebe, die viel weniger ein Gefühl als ein Verhalten meint. Ich behaupte, dass ein Mensch aus sich allein heraus nicht einmal darauf einen Anspruch erheben kann – und dass es deshalb auch keine Verpflichtung dazu geben kann, sofern das Wort „Liebe“ auch in dieser sozialen Spielart noch seine Berechtigung und seinen Sinn behalten soll: Die Qualität und die heilvolle Wirkkraft der Liebe gründet in ihrer freien Geschenkhaftigkeit – sei es nun in ihrer erotischen, sei es in ihrer sozialen Spielart.

Liebe ist im Letzten nicht willentlich machbar, herstellbar, ableistbar. Man kann deshalb auch niemanden zur Liebe verpflichten, und niemand kann einen Anspruch darauf geltend machen. Liebe ist freies Geschenk – im Geben und im Empfangen – und sie muss frei sein, um sie selbst zu bleiben. – Ich bin darum überzeugt: Man darf das Liebes-Gebot des Evangeliums nicht als religiös-sittliche Verpflichtung und Norm verstehen. Wie aber dann? Vielleicht – und das entspräche dem Charakter des Evangeliums als guter Botschaft ja auch viel mehr – vielleicht ist das Liebesgebot des Evangeliums ein Wort der Sinnstiftung, ein Sinnangebot, das sagt: Ihr seid genau dazu da: zu lieben und Liebe zu empfangen! Menschliches Leben findet seinen letzten Sinn, seine Erfüllung erst in der Liebe. Deshalb strebt und sucht danach und öffnet Euch dafür!

Die Bibel gibt für dieses ihr Sinnangebot übrigens auch eine theologische Begründung: Ganz am Anfang, bereits in ihrem ersten Kapitel heißt es, dass der Mensch Gottes Ebenbild sei. Das ist wiederum keine moralische Vorgabe, sondern einfach eine Feststellung über den Sinn und das Wesen des Menschseins. Was in der Bibel dann folgt – ein Großteil des gesamten Ersten Testaments – kann gelesen werden als Geschichte von den Erfahrungen, die das Volk Israel mit seinem Gott gemacht hat. Und diese konkreten Erfahrungen mit Gott werden insofern zur Vorgabe und Richtschnur für wahres Menschsein, da es doch gilt, Gottes Ebenbild zu sein bzw. zu werden. – Und wie beschreibt nun die Bibel das Wesen Gottes? Es läuft immer wieder auf das Eine hinaus: Gottes Liebe ist treu und währt ewig; sein ganzes unveränderliches Wesen – Er selbst – ist Liebe.

Und wir Menschen sind nun also dazu da, Sein Ebenbild zu sein bzw. zu werden – also Sein liebendes Wesen abzubilden. Wie ein Mensch das in seinem Leben umsetzt, kann nicht normiert und vorgeschrieben werden – nicht einmal, dass ein Mensch das in seinem Leben umsetzt. Das Liebes-Gebot des Evangeliums ist einfach die biblische Antwort auf die Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens.


Nächste Predigt: 7. Sonntag der Osterzeit – B, 16. V. 2021

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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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