25. Sonntag im Jahreskreis – A: Mt 20,1-16a
(Linz − Ursulinenkirche, 20. IX. 2026)
Es gibt wohl kaum eine Evangelienstelle, die so sehr auf Widerspruch stößt wie dieses Gleichnis – zumindest in unseren Breitengraden. Ähnlich wie die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle wird dieses Gleichnis als ungerecht empfunden, als Hohn auf den Leistungsgedanken und als Unterwanderung zentraler Tugenden unserer Gesellschaft, wie etwa Fleiß, Leistungsbereitschaft, Arbeitsmoral. – Dieses Gleichnis regt auf. Zu gut kann man sich identifizieren mit den ersten Arbeitern im Weinberg, die schon vom frühen Morgen an schufteten und am Ende des Tages auch nicht mehr erhielten als die zuletzt am Arbeitsplatz erschienenen Teilzeit-, ja sogar nur Ein-Stunden-Arbeiter.
Diese scheinbare Lohn-Ungerechtigkeit des biblischen Gleichnisses weicht freilich einem völlig anderen Gerechtigkeitsbegriff, wenn man sich Folgendes vor Augen hält: Der mit den ersten Arbeitern vereinbarte und den damaligen Standards entsprechende Tageslohn von einem Denar reichte in biblischen Zeiten gerade aus, um eine 5-köpfige Familie für einen Tag zu ernähren. Weniger als einen Denar zu zahlen, hätte für die später zur Arbeit angetretenen Tagelöhner und ihre Familien demnach Hunger bedeutet. An diesem Punkt wird der völlig andere Gerechtigkeitsbegriff der jesuanischen Gottesreich-Idee erkennbar: Nicht „allen nach ihrer Leistung“, sondern „allen so viel, wie sie zum Leben brauchen“ – und zwar bedingungslos, d.h. unabhängig von jeder Leistung oder anderen Bemessungsgrundlagen für Gerechtigkeit. Leben ist im Sinne der Bibel immer ein bedingungsloses Geschenk.
Bedingungslosigkeit ist überhaupt eine Grundkategorie der Bibel und des Gottesreiches: Die gesamte Geschichte des Volkes Israel mit dem Gott der Bibel lässt sich lesen als eine Geschichte der Zuwendung und Liebe Gottes zu seinem Volk – ohne dass diese Liebe durch irgendeine Leistung verdient wäre. Sonst könnte ja auch gar nicht von Liebe die Rede sein. Denn das eigentliche Wesen echter Liebe besteht in letzter Konsequenz doch genau darin: in bedingungsloser Zuwendung, also frei erwählend, ohne Vorleistung, ohne Gegenleistung. So verstanden ist echte Liebe – jedenfalls im Sinne des Leistungs-, aber auch des Gleichheitsgrundsatzes – immer auch ungerecht, weil eben unverdient: frei geschenkt, frei bevorzugend. – Die bedingungslose Zuwendung Gottes zum Volk Israel erfährt nach christlichem Glauben ihre Aufgipfelung und Ausweitung auf alle Menschen hin in Jesus aus Nazareth und seinem Evangelium. Darin besteht der Kern seiner Botschaft und auch des heutigen Gottesreich-Gleichnisses: Jeder Mensch ist von Gott gewollt und geliebt – ohne Vorleistung oder Verdienst.
Freilich erheben sich nun brisante Fragen: Eignet sich diese Botschaft von der bedingungslosen Liebe und Lebenszusage Gottes etwa nur für erbauliche Sonntagsstunden? Sind die JüngerInnen Jesu nicht vielmehr dazu angehalten, diese unsere reale Welt zu durchtränken und zu fair-ändern im Sinne der jesuanischen Gottesreich-Idee – also auch im Sinne der Gerechtigkeitsvorstellung des Evangeliums, die jedem Menschen Leben zuspricht – unabhängig von seiner Leistung? Und könnte deshalb etwa die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle nicht auch verstanden werden als Versuch einer gesellschaftspolitischen Umsetzung genau dieses Gerechtigkeitskonzepts, also: allen so viel zu geben, wie sie zum Leben brauchen – also jedem Menschen in seiner spezifischen Bedarfslage gerecht zu werden?
Ich meine: Zumindest ChristInnen werden nicht umhinkönnen, sich mit diesen Fragen und mit der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle ernsthaft zu befassen.
Nächste Predigt: 27. Sonntag im Jahreskreis – A, 04. X. 2026

