Die aktuelle Predigt

17. Sonntag im Jahreskreis – B: Joh 6,1-15

(Linz − Ursulinenkirche, 25. VII. 2021)

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Als „wundersame Brot-vermehrung“ ist dieses bekannte biblische Ereignis in unserem kollektiven religiösen Gedächtnis verankert. Nun: Diese Überschrift ist nicht Teil des griechi­schen Originaltextes, sondern eine etwas zweifelhafte Deutung. Ich bezweifle daran aber keineswegs das Wundervolle jenes Ereignisses, als vielmehr die Rede von einer Vermeh­rung von Brot und Fisch. Denn vielleicht steckt dahinter eine ideologische Einfärbung.

Wir haben es in der erzählten Szene zunächst einmal mit einer krassen Ungleichheit zu tun: Da sind ein paar ganz Wenige – die Rede ist eigentlich nur von einem kleinen Jungen – mit ausreichender Versorgung an lebensnotwendiger Nahrung. Der weitaus größeren Mehrheit gebricht es genau daran; sie hat offenbar nichts. – Das spiegelt – durchaus auch in dieser Drastik – die Verteilung von Reichtum und Vermögen in unserer modernen Welt wieder. Dazu nur ein paar statistische Zahlen: Im Jahr 2019 besaßen 0,9% der Weltbevölkerung 43,9% allen Vermögens, 56,6% jedoch nur 1,8% des Reichtums. Oder: Die 42 reichsten Personen besaßen gleich viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit zusammen (3,7 Mrd. Menschen). In der biblischen Erzählung beträgt das Verhältnis zwischen dem Besitz an ausreichender Nahrung und deren Mangel 1:5.000. Die Verteilungsschere in unserer Welt ist also noch ungleich weiter gespreizt!

Gefragt nach möglichen Maßnahmen gegen diese Ungleichheit, antworten die meisten modernen Ökonom*innen und Politiker*innen, dieses Problem sei nur durch weiteres Wachstum unserer Weltwirtschaft in den Griff zu bekommen – biblisch gesprochen also durch die Vermehrung von Brot und Fisch. Nur so könnten alle satt werden. Das Problem daran: Durch das wirtschaftliche Wachstum kann zwar die Zahl der absolut Armen auf dieser Welt tatsächlich verringert werden; dennoch profitieren vom insgesamt wachsenden Kuchen die Reichen dieser Welt noch ungleich mehr – maW: Die Ungleichverteilung der Güter dieser Welt erreicht durch ihre bloße Vermehrung nur noch obszönere Ausmaße!

Sollte das biblische Wunder von der Speisung der 5.000 mit 5 Broten und 2 Fischen tatsäch­lich in dieselbe Kerbe schlagen bzw. in dieselbe Falle tappen: durch die angebliche wundersame Vermehrung von Brot und Fisch?!? – Liegt der Akzent der Erzählung nicht doch woanders – nämlich nicht auf einer wunderbaren Vermehrung des Vorhandenen, sondern vielmehr auf einer wundersamen Sättigung. – Aber wie kam die zustande? Vielleicht so: Wenn 5 Brote auch zu wenig erscheinen, um die Vielen zu sättigen, dann schafft das wenigstens die Teilung dieser Brote. Man könnte das auch auf die einfache und zugleich paradoxe Formel bringen: Ein geteiltes Stück Brot sättigt mehr als ein ganzer Laib.

Keine Sorge – angesichts der Schreckensbilder aus den Elendsvierteln dieser Welt kann sich niemand erlauben, den tatsächlichen, nackten Hunger nach Nahrung und lebensnot­wendigen Gütern zu verharmlosen und zu übergehen. Aber dennoch meint das Evangelium zuerst einen anderen Hunger, der um nichts harmloser ist, und unter dem wohl alle Men­schen – auch in den reichen Weltgegenden – leiden: Der Hunger, den Jesus stillt, ist nur vordergründig ein Hunger nach Brot. Der Hunger, den Jesus hier stillt, ist der Hunger nach geteiltem Leben, der Hunger nach Gemeinschaft und Solidarität, also nach geteiltem Brot.

Wird das Evangelium so gelesen, heißt das noch lange nicht, die tatsächlich existierende Ungerechtigkeit in unserer Welt herunter zu spielen und zu verharmlosen – im Gegenteil: Diese Deutung mag vielleicht sogar daran erinnern, dass die real existierende Not in dieser Welt vielfach gar kein Problem irgendeines Mangels ist – eines Mangels an Ressourcen, an Nahrungsmitteln oder woran sonst auch immer. Nein, die Not dieser Welt ist v.a. ein Problem der gerechten Verteilung der Erdengüter, also eine Frage des Teilens. Ein Sozialwissenschaftler hat das einmal so gesagt: „Die Teilung dieser Welt – die Teilung in Arm und Reich – kann nur durch Teilen überwunden werden.“ – Eine solche Deutung des Evangeliums geht also an der tatsächlichen Not in dieser Welt keineswegs vorbei, sondern nimmt sie – im Gegenteil – an ihrer Wurzel ernst. Die biblische Speisung der 5.000 erfolgte nicht durch Brot-vermehrung, sondern durch Brot-teilung. Das ist es, was auch unsere moderne Welt braucht und woran politische Armutsbekämpfung ihr Maß nehmen muss!


Nächste Predigt: 18. Sonntag im Jahreskreis – B, 1. VIII. 2021

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dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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