Die aktuelle Predigt

11. Sonntag im Jahreskreis – B: Mk 4,26-34

(Linz − Ursulinenkirche, 13. VI. 2021)

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Es ist eine unleugbare Tatsache: In den Kirchen, zumal der katholischen Kirche unseres Landes sind die Zahlen im Sinken – seit Jahren. Also Schrumpfung anstelle von Wachstum. – Genau von diesem aber spricht das Evangelium geradezu unverzagt und ungeniert. Irrt das Evangelium also? Hat es wie viele alte Überlieferungen nur längst vergangene Zeiten und Zustände im Blick und uns für das Heute nicht mehr allzu viel zu sagen? Will es uns gar Sand in die Augen streuen und unseren Blick trüben angesichts einer beunruhigenden Realität? – Mitnichten! – Es gilt nur, aufzupassen vor einem Trugschluss!

Das Evangelium spricht vom Wachsen des Gottesreiches, nicht der Kirche! Kirche und Reich Gottes aber sind nicht dasselbe, selbst wenn manche Kirchenobere sich gelegentlich noch so gebärden als ob. Kirche ist – theo­logisch gedacht – die Versammlung all jener, die als Getaufte ihr Leben auf das Evangeli­um vom Gottesreich gründen und in dessen Dienst stellen, aber Kirche ist nicht selbst Reich Gottes. Sie hat es zu verkünden; sie hat Menschen dazu zu motivieren; sie sollte es selbst widerspiegeln in der Art und Weise, wie in ihr miteinander umgegangen wird. Aber sie ist es nicht selbst! Und ob das Reich Gottes blüht und wächst ist deshalb keineswegs ablesbar an der Zahl der Menschen, welche regelmäßig in die Kirche kommen oder brav ihren Kirchenbeitrag zahlen. Reich Gottes ist vielmehr überall da, wo das wächst, worum es der Botschaft Jesu geht: Wo etwa Armen eine gute Nachricht gebracht und Gefangenen Freiheit verkündet wird, wo Blinde aufblicken können und Gottes stets größere Gerechtigkeit gilt. Überall, wo davon etwas Wirklichkeit wird, wächst das Gottesreich.

Wenn wir dagegen weithin erleben, dass unser kirchliches Leben zahlenmäßig eher schrumpft als wächst, dann muss es uns dennoch zu denken geben: Dann liegt es nicht daran, dass das Evangelium sich etwa irrte; auch nicht daran, dass die Welt eben so ungläubig oder kirchenskeptisch geworden wäre. Es hat wohl eher damit zu tun, dass sich die Kirche und ihre Verantwortlichen häufig eher um andere Dinge küm­mern als um das Wachsen des Gottesreiches: um die strikte Einhaltung von moralischen und kirchen­rechtlichen Normen zum Beispiel; um die Verteidigung einer untauglich gewordenen Amtshierarchie oder die Pflege bloß folkloristischen Brauchtums; um die Absicherung eigener Wahrheits- und Machtansprüche – oder eben um zahlenmäßiges Wachstum, also letztlich um Selbsterhalt. Es kommt aber – wie gesagt – nicht darauf an, ob unsere Kirche zahlenmäßig wächst oder nicht; denn wachsen muss das Gottesreich, nicht die Kirche.

Dennoch ist die Größe und Weite auch der Kirche nicht unerheblich. Hier droht aber ein weiterer Trugschluss: Eine Kirchengemeinde, die sich selbst genügt – eine solche Gemeinde wäre nicht mehr Kirche im Geist Jesu Christi. Es geht – wie gesagt – nicht um quantitativ messbare Zahlen, sondern vielmehr um die qualitative Weite von Kirche. Es geht darum, dar­auf zu achten, wer in einer Kirchengemeinde Platz hat und wer vielleicht nicht oder zu wenig: Das Evangelium rückt bestimmte Menschengruppen vorrangig in die Mitte und spricht insbesondere von den Armen, den Gefangenen, den Blinden, den Unterdrückten und unter Unrecht Leidenden; eine lebendige Kirche muss sich in diesem Zusammenhang immer wieder fragen, wer damit in ihrem konkreten Lebensumfeld gemeint sein könnte: Jugendliche vielleicht oder Arbeitslose, Zugewanderte aus anderen Kulturkreisen oder sonstwie Unangepasste. Der Raum, den eine lebendige Kirche v.a. jenen Menschen bietet, denen sonst kein oder nur Randplätze zugestanden werden – dieser Raum kann jedenfalls nie groß genug sein und muss beständig wachsen.


Nächste Predigt: 12. Sonntag im Jahreskreis – B, 20. VI. 2021

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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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