Die aktuelle Predigt

33. Sonntag im Jahreskreis– C: 2Thes 3,7-12

(Linz − Ursulinenkirche, 13. XI. 2022)

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Auch die Arbeitsmärkte unserer Welt erleben z.Zt. eine schwere Krise: Da stehen konstant hohe Zahlen von langzeitarbeitslosen Menschen einem eklatanten Mangel an Arbeitskräften in vielen Wirtschaftszweigen gegenüber. Angebot und Nachfrage laufen aneinander vorbei. Ein Mis-match von tatsächlich vorhandenen und tatsächlich benötigten Qualifikationen ist wohl nur ein Grund dafür. Es gibt auch starke Anzeichen dafür, dass viele, v.a. jüngere Menschen nicht mehr ohne weiteres bereit sind, sich den Bedarfslagen der Wirtschaft einfach unterzuordnen und ihr Leben daran auszurichten.

Verteidiger des etablierten Systems machen auch gerne ein ihrer Meinung nach zu luxuriös ausgestaltetes Netz sozialer Absicherungen für die arbeitsmarktpolitischen Verwerfungen verantwortlich; der Druck auf arbeitslose Menschen müsse einfach wieder erhöht werden. Und interessanter Weise wird dafür zuweilen sogar die Bibel in Anschlag gebracht: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“, sei da bereits zu lesen – allerdings nicht ganz korrekt. Wir haben es vorhin gehört; geschrieben steht: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ Darin liegt ein entscheidender Unterschied: Nicht die tatsächlich erbrachte Arbeits­leistung begründet einen Anspruch auf Lebensunterhalt, sondern bereits der prinzipielle Wille bzw. die Bereitschaft dazu! (Sonst hätten ja z.B. auch Kinder, Alte oder sonst wie arbeitsunfähige Menschen keine Unterhaltsberechtigung und müssten verhungern.)

Aus dem Satz des hl. Paulus lässt sich also letztlich nur eine moralische Verpflichtung zu prinzipieller Arbeitsbereitschaft ableiten, mehr nicht. Die entscheidende Frage aber ist, was hier überhaupt mit Arbeit gemeint ist. Ich selbst neige zur Ansicht, dass Paulus mit Arbeit jeden sinnvollen Beitrag zu einem guten gesellschaftlichen Zusammenleben gemeint hat, jedenfalls nicht unbedingt und explizit berufliche Erwerbsarbeit im heutigen Sinn. Paulus sagt zwar, er habe selbst Tag und Nacht gearbeitet, um niemandem zur Last zu fallen, betont aber gleich darauf: „Nicht als hätten wir [sonst] keinen Anspruch auf Unterhalt, …“

Bereits an dieser Andeutung lässt sich festmachen, dass sinnvolle und soziale Rechte begründende Arbeit mehr meint als ihre moderne Engführung auf unmittelbar wirtschaftlich verwertbare Erwerbsarbeit, also jene Arbeitsformen, die auf den modernen Arbeitsmärkten gehandelt werden. Wirtschaftlichen Mehrwert generierende Arbeit ist für eine funktionieren­de Gesellschaft zweifellos notwendig – aber sie ist keineswegs ausreichend dafür! Moderne Studien kommen zum Schluss, dass sogar rund zwei Drittel aller für ein zivilisiertes mensch­liches Zusammenleben notwendigen Arbeitsleistungen unentgeltlich erbracht werden, also ohne unmittelbare wirtschaftliche Gegenleistung. Frauen wissen in aller Regel besser als Männer darüber Bescheid, was mit solchen Arbeiten gemeint ist. Letztlich sind damit aber auch nicht nur zumeist innerhäuslich erbrachte Reproduktions-, Erziehungs- und Pflege­arbeiten gemeint. Eine gut organisierte Gesellschaft lebt darüber hinaus in hohem Maße von vielfachen nicht-wirtschaftlichen Tätigkeiten – sei es auf Basis persönlicher Initiative, sei es in nachbarschaftlichen Kontexten, in Vereinen, Religionsgemeinschaften – kurz: in allen Formen zivilgesellschaftlicher Organisation. Und es wäre völlig verfehlt, das als Hobby und Freizeitspaß abzutun: Hier wird häufig mit einem hohen Maß an Leistungsbereitschaft, aber auch an Fachkompetenz und Ressourceneinsatz gearbeitet. Wäre es nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, solchen Formen menschlicher Tätigkeit die Anspruchs­begründung auf Brot, also auf Lebensunterhalt abzusprechen? Manche dieser Tätigkeiten sind für ein gutes menschliches Zusammenleben vielleicht sogar viel wichtiger und wertvoller als manche wirtschaftliche Aktivitäten, die davon abgesehen, dass sie einzelnen Menschen Profit bringen, unsere Welt nicht unbedingt besser machen.

Vielleicht ist Paulus‘ Begründung einer sittlichen Arbeitspflicht also noch viel allgemeiner zu verstehen: Jeder Mensch ist verpflichtet, nach Maßgabe seiner Möglichkeiten etwas Sinnvolles und sozialen Mehrwert Stiftendes zum gesellschaftlichen Zusammenleben beizutragen – ob nun durch berufliche oder andere Arbeit. Andernfalls droht jedes Gemeinwesen zugrunde zu gehen. Die existentielle soziale Grundfrage lautet also nicht: Was habe ich davon?, sondern: Was kann ich dazu beitragen?


Nächste Predigt: 3. Advent – A, 11. XII. 2022

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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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