Die aktuelle Predigt

19. Sonntag im Jahreskreis– C: Hebr 11,1-2.8-12

(Linz − Ursulinenkirche, 07. VIII. 2022)

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Ein „gefundenes Fressen“ für alle Altphilologen und Übersetzungswissenschaftler bietet der erste Satz der Sonntagslesung aus dem Hebräerbrief; aber auch für „normal Sterbliche“ lohnt sich seine nähere Betrachtung: Jahrzehnte lang lautete dieser Satz in der offiziellen deutschen Bibelübersetzung: „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft.“ Das hat etwas Stabiles, irgendwie Beruhigendes, fest Verankerndes: Festhalten an der eigenen Hoffnung; die Hoffnung nie sinken lassen – gerade dann natürlich, wenn Anlass besteht, sie zu verlieren; gerade dann also, wenn das Leben rundherum unsicher und labil zu werden droht und sein guter Ausgang in Frage steht. Gerade dann die Hoffnung nicht verlieren und vielmehr festen Halt, Boden unter den Füßen darin finden – das also meint Glauben nach dieser Übersetzung.

Die neueste deutsche Einheitsübersetzung der Bibel akzentuiert hier etwas anders: „Glaube ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.“ Die Hoffnung spielt hier weiterhin eine wichtige Rolle: als Grundlage, als Fundament. Aber dann wird es etwas kompliziert, irgendwie unscharf und vage, ja sogar etwas paradox: auf Grundlage der eigenen Hoffnung ein „Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht“. Wie kann etwas zutage treten und dabei unsichtbar bleiben – noch dazu Tatsachen??? Bei „Tatsachen“ denkt man gemeinhin an objektiv feststellbare Sachverhalte, an Handfestes, an für alle offensichtliche Fakten. Facts – nicht fakes und auch keine „alternativen Fakten“. (Die gibt es nur in der wirren Parallelwelt jener, die an morbus Trump leiden.) – Und jetzt soll Glaube etwas zu tun haben mit objektiv feststellbar werdenden Fakten, die dennoch unsichtbar bleiben?!? Wie gut verständlich war dagegen die alte Übersetzung: „Feststehen in dem, was man erhofft“ – gegenüber diesem „Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht“! – Und doch ist das leicht Verständliche nicht automatisch besser und treffender.

Gibt es denn nicht auch Tatsachen, die man zwar nicht sehen kann, aber dennoch schaffen und verändern sie Wirklichkeit? Man kann sie nicht sehen, nicht anfassen, nicht objektiv messen, und doch sind sie eindeutig wahrnehm- und erkennbar: an ihren Wirkungen, an ihren „Früchten“, wenn sie so wollen. Vor allem anderen fallen mir hier zu Unrecht altmodische Begriffe wie Tugenden ein: Aufrichtigkeit, Tapferkeit, Wahrhaftigkeit, Aufmerksamkeit, Empathie, oder noch altmodischer: Barmherzigkeit. Heute würde man vielleicht eher von moralischen Werten sprechen. Aber Werte bleiben irgendwie abstrakt. Tugenden dagegen manifestieren sich in bestimmten Haltungen, in dementsprechenden Handlungen, und sie werden auf diese Weise wirksam. Und da haben wir es: Hier tritt etwas zutage! Es selbst bleibt unsichtbar, aber man kann es in seiner Wirkung feststellen und wahrnehmen. Die Realität ist nach seinem „Zutagetreten“ nicht mehr dieselbe wie vorher.

Damit noch einmal zu unserer biblischen Definition: „Glaube ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.“ 2 wichtige Dinge sind dazu noch zu sagen: 1. Auch die am gründlichsten eingeübten und treu praktizierten Tugenden benötigen immer wieder die Zufuhr von Nähr- und Brennstoff. Erfolgserlebnisse und die Anerkennung der Mitwelt reichen dafür nicht aus und sind zudem unverlässlich. Noch dazu müssen sich Tugenden und moralische Haltungen oft gegen viel Widerstand von außen bewähren. Nach dem Hebräerbrief liefert den dafür nötigen Nähr- und Brennstoff die Hoffnung, die einen Menschen trägt und bewegt. – Und 2. Glaube ist kein Lippenbekenntnis zu bestimmten Lehren und Ansichten über die Welt. Glaube ist vielmehr eine Praxis, ein Verhalten und Handeln aus einer Grundhaltung, die sich aus Hoffnung speist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.


Nächste Predigt: 21. Sonntag im Jahreskreis – C, 21. VIII. 2022

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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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