Die aktuelle Predigt

24. Sonntag im Jahreskreis – B: 
Jak 2,14-18 / Mk 8,27-34

(Linz − Ursulinenkirche, 12. IX. 2021)

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Weshalb eigentlich dieses Schweigegebot über seine messianische Identität, das Jesus seinen Gefährten auferlegt, nachdem er doch selbst das Thema angeschnitten hat? Da fragt er zuerst, wie er bei den Menschen ankommt und für wen diese und dann die Gefährten selbst ihn halten; und just als Petrus mit seiner Antwort ins Schwarze trifft, stoppt er völlig unvermittelt die weitere Debatte und wechselt das Thema.

Nun, er kannte wohl seine Pappenheimer. Und er wusste wohl auch um ein schwerwiegendes Grundproblem menschlicher Sprache: dass nämlich ein und dasselbe Wort mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen, Bedeutungen und Inhalten verknüpft sein kann. Denken Sie nur etwa an Begriffe wie Freiheit, Liebe, Frieden, Gerechtigkeit: Viele führen sie im Mund, alle streben danach. Aber meinen sie auch wirklich dasselbe?

Mit dem Wort, mit dem Petrus Jesus bezeichnet, war es offensichtlich nicht anders: „Du bist der Christus!“, lautete zwar die 100-Punkte-Antwort auf die Frage Jesu, wer er sei. Als Jesus daraufhin aber nur vermeintlich abrupt das Thema wechselte, in Wirklichkeit aber nur seine Interpretation des messianischen Wegs darlegte – nämlich erst durch Leiden und Tod hindurch zur erlösenden Auferstehung –, da meldete Petrus deutlich Widerspruch an und wies Jesus zurecht: So hatte er sich den Christus nicht vorgestellt, auf den er hoffte.

Leider ist es nicht bei diesem einen Missverständnis rund um Jesus geblieben. Ein gründlicher Blick in die konfliktreiche Geschichte unserer Kirchen und ihrer Theologien lehrt, welch unterschiedliche, ja konträre Vorstellungen über das Gottesreich und andere zentrale Inhalte des Evangeliums den Weg der Nachfolge Jesu pflasterten und alles andere denn in eine klare Richtung laufen ließen. Gerade unsere katholische Kirche glaubte Jahrhunderte lang, diesem Problem mit Autoritarismus, klarer Dogmatik und Kirchenrecht Herr werden zu können. Sie muss spätestens jetzt in der globalisierten Moderne diese Methode als gescheitert erkennen und eingestehen und nach neuen Grundlagen ihrer Einheit suchen.

Aber es handelt sich hier beileibe nicht nur um ein innerkirchliches Problem. In der Politik läuft es ja nicht anders: In Oberösterreich hat doch gerade der Kampf um die kommende Landtagswahl eingesetzt. Auch da wird wie überall mit großen Begriffen hantiert: Heimat, Sicherheit, Zukunft, Wandel usw. Und hier wie da werden diese Begriffe mit unterschiedlichsten Inhalten und Erwartungen verknüpft – im Wahlvolk nicht anders als bei den wahlkämpfenden Akteuren selbst.

Das jesuanische Schweigegebot in der Verwendung des Christus-Begriffs hat sich in der Geschichte des Christentums genauso wenig durchgesetzt, wie Politik auf die Verwendung großer Schlagwörter und öffentlichkeitswirksamer Slogans verzichten kann. – Wahrscheinlich ist das eingangs angesprochene Grundproblem menschlichen Sprechens unvermeidlich: Worte und Begriffe bleiben immer möglichen Missverständnissen und unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen ausgesetzt.

Das einzige Mittel, das dagegen helfen kann, deutet Jesus gegen Ende des heutigen Tagesevangeliums an: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, …“, sagt er da. Das könnte auch bedeuten: Die eigenen Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche einmal hintanstellen; sich auch nicht länger an bloßen Worten orientieren – sondern vielmehr an den konkreten Spuren, die jemand geht und hinterlässt.

Oder im Sinne der Lesung aus dem Jakobusbrief: Was jemand wirklich glaubt, erweist sich nicht an seiner Rede darüber, sondern an seinem konkreten Tun.

Oder mit den Worten eines weisen Freundes: Wofür ein Mensch wirklich einsteht und in Wahrheit lebt, zeigt sich erst, wenn man mindestens ein Jahr mit ihm gelebt hat und seinen Spuren gefolgt ist.


Nächste Predigt: 25. Sonntag im Jahreskreis – B, 19. IX. 2021

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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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