Die aktuelle Predigt

11. Sonntag im Jahreskreis – B: Mk 4,26-34

(Linz − Ursulinenkirche, 16. VI. 2024)

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Es ist eine unleugbare Tatsache: In der katholischen Kirche unseres Landes sind die Zahlen im Sinken – seit Jahren. Geld, Personal, Mitglieder – alles wird weniger. Also Schrumpfung anstelle von Wachstum. Genau davon aber spricht das Evangelium geradezu unverzagt und ungeniert. – Irrt das Evangelium also? Hat es wie viele alte Überlieferungen nur längst vergangene Zeiten und Zustände im Blick und uns für das Heute nicht mehr viel zu sagen? Will es uns gar Sand in die Augen streuen und unseren Blick trüben angesichts einer beunruhigenden Realität? – Mitnichten! – Es gilt nur, aufzupassen vor einem Trugschluss!

Das Evangelium spricht vom Wachsen des Gottesreiches, nicht der Kirche! Kirche und Reich Gottes aber sind nicht dasselbe, selbst wenn manche Kirchenobere sich gelegentlich noch so gebärden als ob. Kirche ist – theo­logisch gedacht – die Versammlung all jener, die als Getaufte ihr Leben auf das Evangeli­um vom Gottesreich gründen und in dessen Dienst stellen, aber Kirche ist nicht selbst Reich Gottes. Sie hat es zu verkünden; sie hat Menschen dazu zu motivieren; sie sollte es selbst widerspiegeln in der Art und Weise, wie in ihr miteinander umgegangen wird. Aber sie ist es nicht selbst! Und ob das Reich Gottes blüht und wächst, ist deshalb keineswegs ablesbar an der Zahl der Menschen, welche regelmäßig in die Kirche kommen oder brav ihren Kirchenbeitrag zahlen. Reich Gottes ist vielmehr überall da, wo das wächst, worum es der Botschaft Jesu geht: Wo etwa Menschen am Rand eine gute Nachricht gebracht wird, wo Fesseln aller Art gelöst und Menschen zu Freiheit und Selbstverantwortung ermächtigt werden, wo Benachteiligte neue Zukunftsperspektiven und Chancen vorfinden und wo Gottes stets größere Gerechtigkeit gilt. Überall, wo davon etwas Wirklichkeit wird, wächst das Gottesreich.

Wenn wir aber weithin erleben, wie unser kirchliches Leben zahlenmäßig eher schrumpft als wächst, dann muss es uns dennoch zu denken geben: Dann liegt es nicht daran, dass das Evangelium sich etwa irrte; auch nicht daran, dass die Welt eben so ungläubig oder kirchenskeptisch geworden wäre. Es hat wohl eher damit zu tun, dass sich die Kirche und ihre Verantwortlichen häufig eher um andere Dinge küm­mern als um das Wachsen des Gottesreiches: um die Optimierung der Eigenverwaltung zum Beispiel; um die Verteidigung einer untauglich gewordenen Ämterstruktur oder die Pflege nichtssagend gewordener Traditionen; um die Absicherung eigener Wahrheits- und Machtansprüche – oder eben um zahlenmäßiges Wachstum, also letztlich um Selbsterhalt. Es kommt aber – wie gesagt – nicht darauf an, ob unsere Kirche zahlenmäßig wächst oder nicht; denn wachsen muss das Gottesreich, nicht die Kirche.

Dennoch ist die Größe und Weite auch der Kirche nicht unerheblich. Hier droht aber ein weiterer Trugschluss: Eine Gemeinschaft von Getauften, die sich selbst genügt, die sich in ihren Bräuchen, Ritualen und Gewohnheiten behaglich eingerichtet hat, wäre nicht mehr Kirche im Geist Jesu Christi. Es geht – wie gesagt – nicht um quantitativ messbare Zahlen, sondern vielmehr um die qualitative Weite von Kirche. Es geht darum, dar­auf zu achten, wer in einer Kirchengemeinde Platz hat und wer vielleicht nicht oder zu wenig: Das Evangelium rückt bestimmte Menschengruppen vorrangig in die Mitte und spricht insbesondere von den am Rand Lebenden, von denen, die nur eine schwache Stimme haben, von den unter Unrecht Leidenden; eine lebendige christliche Gemeinschaft muss sich in diesem Zusammenhang immer wieder fragen, wer damit in ihrem konkreten Lebensumfeld gemeint sein könnte: Jugendliche vielleicht oder Arbeitslose, Zugewanderte aus anderen Kulturkreisen oder sonstwie Unangepasste. Der Raum, den eine lebendige Kirche v.a. jenen Menschen bietet, denen sonst kein oder nur Randplätze zugestanden werden – dieser Raum kann jedenfalls nie groß und weit genug sein und muss beständig wachsen.



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(Ingeborg Bachmann)
 
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