Die aktuelle Predigt

7. Ostersonntag – C: Joh 17,20-26

(Linz − Ursulinenkirche, 29. V. 2022)

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Frieden, Einheit, Einswerdung u.dgl. zählt zum Grundwortschatz praktisch aller Religionen – mag es nun um ein Einswerden mit der natürlichen Umwelt gehen oder um Einheit unter einem gemeinsamen göttlichen Gesetz, um Einheit als auserwähltes Gottesvolk oder um Auflösung jeder Individualität in eine kosmi­sche All-Einheit hinein, um die Vereinigung von Göttern und Menschen, von männlichem und weiblichem Prinzip oder von welchen Polaritäten auch immer.

Kaum überraschend ist es deshalb, dass die als „Abschiedsreden Jesu“ zusammen­gefassten Textabschnitte des Joh-Evangeliums, die wir an den vergangenen Sonntagen gehört haben, in dem vorhin gehörten Gebet Jesu gleichsam aufgipfeln, und dass es darin v.a. darum geht: dass alle eins seien, wie Jesus und sein Vater eins sind. – Einheit also als wesentliches Vermächtnis und zentrales Anliegen Jesu. – Die Geschichte des Christentums war und ist folgerichtig denn auch eine Ge­schich­te des Ringens um Einheit – und auch eine Geschichte des wiederholten Scheiterns daran.

In Zeiten des Krieges klingt die Rede von „Einheit“ freilich wie weltfremder Luxus. Viel wäre schon erreicht, wenn wenigstens die Waffen schwiegen! Aber gerade angesichts des jüngsten Krieges herrscht sogar Uneinigkeit innerhalb der christlichen Kirchen hinsichtlich einer einhelligen Botschaft und Positionierung. Selbst wenn man die glatte Rechtfertigung der russischen Aggression als „metaphysischen Kampf gegen das Böse“ durch den Moskauer Patriarchen wegen politischer Befangenheit ausscheidet – auch die übrigen christlichen Stellungnahmen reichen vom kompromisslosen Bekenntnis zum absoluten Prinzip der Gewaltlosigkeit bis hin zu nicht minder kompromissloser Befürwortung des ukrainischen Abwehrkampfes mit allen erdenklichen Mitteln. Auch ich habe in der Vorwoche als Direktor der Kath. Sozialakademie Österreichs eine öffentliche Stellungnahme aus friedensethischer Perspektive abgegeben. Diese hier zu referieren, wäre aber der falsche Ort und Anlass. (Nachzulesen ist sie auf www.ksoe.at) – Vielleicht nur so viel: Frieden und Einheit sind niemals einseitig durchsetzbar durch militärische Gewalt, politische Macht, ja nicht einmal durch moralische Autorität oder die Kraft von Argumenten. Sie sind aber auch nicht die Frucht fauler Kompromisse, Konfliktfeigheit oder naivem Harmoniebedürfnis. Frieden und Einheit können in dieser Welt nur dauerhaft bestehen auf der Grundlage von Recht und gerechten Beziehungen zwischen Kontrahenten.

Am Ende seines Gebetes um Einheit nennt Jesus als Voraussetzung dafür die Liebe, mit der Gott ihn und seine Schöpfung liebt: Auch damit ist keine rosarote Vertrauens- und Gefühlsseligkeit gemeint; vielmehr könnte damit die Bereitschaft zur einseitigen Vorleistung angesprochen sein, die Bereitschaft zum ersten Schritt und v.a. zur bedingungslosen Anerkennung des Anderen – auch des Gegners und Feindes! – als Mensch mit Rechten, mit legitimen Interessen, aber auch Ängsten – wie jede*r von uns sie auch für sich selbst beansprucht. Nicht die Beweggründe und Handlungen eines Antagonisten sind bedingungs­los zu akzeptieren und anzunehmen, aber sein Wesen als von Gott geliebtes Geschöpf!


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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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