Die aktuelle Predigt

6. Sonntag im Jahreskreis – A: Mt 5,17-37

(Linz − Ursulinenkirche, 15. II. 2026)

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Dieser Abschnitt aus der großen Bergpredigt Jesu ist nicht leicht zu verdauen. Jesus scheint hier weniger der unbedingt Liebende zu sein, der aus Barmherzigkeit und innerer Freiheit heraus geltende Normen übertritt, indem er etwa am Sabbat Kranke heilt, indem er Aussätzi­ge berührt, eine Ehebrecherin vor der Steinigung schützt oder bei öffentlichen Sündern zu Tisch sitzt. Hier scheint man es stattdessen mit einem moralischen Perfektionisten und rigoristischen Eiferer zu tun zu haben, dem selbst 100% Normerfüllung noch zu wenig sind.

Ich komme mit diesem Abschnitt der Bergpredigt nur einigermaßen zu Rande, wenn ich mich auf den meiner Meinung nach wichtigsten Vers darin konzentriere: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ – Mit diesem Vers wird ein Gegensatz aufgebaut: Dort die „Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer“, hier die weit größere Gerechtigkeit Jesu.

Mit Blick auf den gesamten Grundkonflikt Jesu mit dem religiösen Establishment seiner Zeit ist mit „Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer“ wohl gemeint: unbedingte Treue zum mosaischen Gesetz – und zwar dem Buchstaben nach; wörtliche Normerfüllung; Absolutsetzung des Gesetzestextes um seiner selbst willen. Vergessen wird hierbei: Gott hat seinem Volk die Gebote ja nicht gegeben, damit es militärischen Gehorsam lernt oder zu einem Volk pedantischer Erbsenzähler wird, sondern letztlich als Hilfe und Orientierung für ein gutes Leben und Zusammenleben in Frieden, Gerechtigkeit und v.a. Liebe. Diese ist ja nach Paulus bekanntlich die „Erfüllung des ganzen Gesetzes“ (Röm 13,10).

Mit „größerer Gerechtigkeit“ meint Jesus also gewiss nicht Übererfüllung des Gebotenen, sondern seine Erfüllung dem tieferen Sinn und Zweck nach. Der Zweck einer Geschwindig­keitsbeschränkung im Straßenverkehr besteht ja bekanntlich auch nicht in der Dressur der Autofahrer, sondern sie will Sicherheit und gegenseitige Rücksichtnahme unter den Ver­kehrsteilnehmern fördern. Analog dazu geht es bei den göttlichen Geboten nie um Disziplinierung der Gläubigen, um moralisches Leistungsdenken od. dgl. Es geht um höhere Werte, die ein gutes Leben für alle gewährleisten können. – Eigentlich ganz einfach …

… sollte man meinen. Ist es aber offensichtlich nicht. Die Formulierung und Durchsetzung von Normen ist immer auch mit der Ausübung von Macht und Amtsautorität verbunden. Und ob nun in der Kirche oder im Staat bzw. in der öffentlichen Verwaltung – oft scheint die Sorge um die bloße Erhaltung dieser Macht bzw. die Anerkennung der Amtsautorität wichti­ger zu sein als deren Legitimationsgrundlage: Dienst am guten Leben der Menschen.

Oder vielleicht liegt es auch an einer weit verbreiteten Verwechslung von Recht und Gerechtigkeit: Schon ganz am Beginn jedes Jus-Studiums werden die Studierenden auf diese notwendige Unterscheidung hingewiesen. Und auch wenn im Sinne von Rechtsstaatlichkeit und Rechtsicherheit die unbedingte Geltung von Gesetzen ein hohes, außer Streit stehendes Gut ist, so können Gesetze niemals das gesamte Leben lückenlos regeln und so jedem Menschen in jeder spezifischen Lebenssituation gerecht werden.

Das gute Leben und Zusammenleben aller bleibt allen Instrumenten und Mitteln zu seiner Förderung und Gewährleistung vor- und übergeordnet – oder wie es ein Kernsatz der gesamten Katholischen Soziallehre ausdrückt: „Wurzelgrund […], Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen (und dazu zählen auch alle zivilen und kirchlichen Normen und Gesetze) ist und muss auch sein die menschliche Person“ (GS 25) bzw. ihre volle Entfaltung. Oder kurz: Die Sorge muss immer dem Menschen gelten, nie der Institution – und sei diese noch so altehrwürdig und sicher und bewährt.

Und weil das jetzt für einen Faschingsonntag doch alles sehr ernst ausgefallen ist: Der Witz unserer jüdischen Geschwister im biblischen Glauben dreht sich oft um die Spannung zwischen penibler Einhaltung und lebensschlauer Umgehung von Gesetzen. 3 Beispiele:

„Ein Jude geht zum Metzger, zeigt auf einen Schinken und sagt: ‚Ich hätt‘ gerne ein Stück von dem Fisch da.‘ Sagt der Metzger: ‚Aber das ist Schweinefleisch.‘ Darauf der Jude: ‚Hab ich gefragt, wie der Fisch heißt? Ich wollte doch nur ein Stück davon.‘“

Ein Rabbiner ärgerte sich darüber, dass viele der Gläubigen ohne Kippa in die Synagoge kommen. Also schrieb er an den Eingang: „Das Betreten der Synagoge ohne Kippa ist ein dem Ehebruch vergleichbares Vergehen.“ Tags darauf stand, mit Filzstift geschrieben, darunter: „Hab ich beides probiert. – Kein Vergleich!“

Und noch einer, der auch die Gesetzesfrömmigkeit unserer Kirche trifft: Fragt der katholische Pfarrer den Rabbi: „Wann werden Sie endlich anfangen, Schweinefleisch zu essen?“ Antwortet der Rabbi: „Auf ihrer Hochzeit, Herr Pfarrer!“

Nächste Predigt: Aschermittwoch – A, 18. II. 2026

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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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