Die aktuelle Predigt

1. Adventsonntag – C:
Jer 33,14-16 / Lk 21,25-28.34-36

(Linz − Ursulinenkirche, 28. XI. 2021)

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„Advent“ heißt – wörtlich übersetzt – bekanntlich nichts Anderes als „Zukunft“. Aber gemeint ist natürlich nicht bloß die Zukunft der in knapp 4 Wochen anbrechenden Weihnachtszeit. – Gemeint ist gewiss auch nicht die Zukunft im Sinne des lateinischen „futurum“: also das, was halt irgendwann einmal sein wird als die bloße Fortschreibung bzw. Konsequenz der aktuellen Gegenwart. Die uns im Advent angesagte Zukunft ist also nicht etwas, das sich einfach aus unserer gegenwärtigen Zeit heraus ableiten und erklären ließe. Das lateinische „adventum“ richtet den Fokus vielmehr auf ein Geschehen, eine Bewegung, auf etwas, das auf uns zu-kommt. Und die Botschaft der Bibel beschreibt das als etwas völlig Neues. Der christliche Advent und insbesondere die ihn prägenden Bibeltexte der Advent-Gottes­dienste wollen unseren Blick auf diesen völligen Neuanfang hin weiten; und sie stellen uns die Frage, wie wir dieser neuen Zukunft begegnen, wie wir sie auf uns zu-kommen lassen.

Die Tageslesung aus Jer beschreibt das Neue, das da kommen soll, als eine Heilszeit; sie verspricht Rettung, Gerechtigkeit und Frieden. Gemäß dem heutigen Evangelium gehen dieser endgültigen Heilszeit aber erschreckende Zeichen voraus. – Vielleicht liegt es in unserer Natur, dass uns diese angekündigten Schrecken oft mehr beschäftigen, dass sie unsere Aufmerksamkeit oft mehr binden als das, was danach kommt. Dabei sind sie nach Auskunft der Bibel doch nur Anzeichen, nur Vorläufer des Kommenden, also vorläufig und vorübergehend. Vielleicht beschreiben diese dem Neuen vorausgehenden Schreck­nisse ja einfach die Tatsache, dass Neuanfänge immer auch anstrengend sind, dass sie mit Angst und Bangigkeit erfüllen und bedrohlich wirken können. Wenn etwas Neues kommt, dann bedeutet das ja immer auch eine Zeit der Veränderung; und Veränderungen gehen nun einmal nie ohne Geburtswehen vonstatten: vertraute Strukturen werden zerstört, liebgewon­nene Gewohnheiten aufgebrochen, vermeintliche Sicherheiten gehen über Bord.

Das verschweigt das Evangelium also keineswegs. Aber seine Kernbotschaft lautet doch anders: „… richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“ Das könnte einfach bedeuten: Habt keine Angst vor den Geburtswehen, keine Angst vor Veränderung – denn erst die Veränderung ermöglicht neues Leben, ermöglicht die angekündigte Heilszeit! Ein weiser Satz sagt: Nur was angenommen wird, kann auch verwandelt werden – will sagen: Leben ist immer gekennzeichnet und begleitet von schmerzvollen Umbrüchen und herausfordernden Veränderungen, mit denen man vielleicht hadern mag, die man vielleicht ablehnen, aber letztlich doch nie aufhalten und verhindern kann; erst die Annahme der Veränderung schafft Raum dafür, dass das Neue gut ins eigene Leben integriert werden und sich die Bedrohung zur Chance verwandeln kann.

Das ist freilich keine leichte Aufgabe. Gerade ein Blick auf die großen gesellschaftlichen, ökologischen und politischen Herausforderungen unserer Zeit kann auch mutlos machen: Wie können die gewaltigen Technologie-bedingen Umwälzungen in Wirtschaft und Arbeits­welt sozial gut abgefedert und gestaltet werden? Wie kann und soll der Klimawandel auf eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen hin gesteuert werden? Wie können die tiefrei­chenden gesellschaftlichen Bruchlinien überbrückt und überwunden werden, die sich gera­de in der gegenwärtigen Phase der Pandemie-Bekämpfung auf beklemmende Weise zeigen und klar signalisieren: So kann es nicht weitergehen! Reichen denn die mehr oder eben weniger bewährten und bekannten Instrumentarien und Strukturen konventioneller Gesell­schafts­politik noch aus? Braucht es nicht völlig neue Ansätze – in Politik und Wirtschaft, in der Medienwelt, aber auch im persönlichen Lebensstil? – Wahrscheinlich, nein – sicher können diese völlig neuen Ansätze nur gelingen, wenn die Notwendigkeit der Veränderung und des Wandels auch positiv angenommen wird. Der Advent will dazu ermutigen.

Er sagt: Richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. Etwas Neues ist im Kommen und bricht an. – Möge Ihr Advent eine vom Wort Gottes getragene und geprägte Zeit sein – eine Zeit, die neu hören, neu lesen, neu leben lehrt!


Nächste Predigt: 3. Adventsonntag – B, 12. XII. 2021

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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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