Die aktuelle Predigt

Palmsonntag – A: Mt 21,1-11

(5. IV. 2020)

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Heuer – Corona sei „Dank“ – also Palmsonntag ohne öffentliche Palmweihe, ohne Palm-Prozession, ohne Brauchtums-bedingte Ablenkungen: kein Ärger über die schon wieder nicht richtig funktionierende mobile Lautsprecheranlage, kein Esel-reitender Pfarrer, kein Schön­heitswettbewerb der Palmbuschen. Für viele vielleicht bedauerlich, zugleich aber eine Chance, sich auf den Kern des am Palmsonntag erinnerten Geschehens zu fokussieren:

Dabei ist es letztlich nicht so wichtig, wie sich der Einzug Jesu in Jerusalem im Detail abge­spielt hat: ob etwa auf einem Esel oder einem Fohlen, ob nur seine Jüngerschar oder ein ganzer Volksauflauf ihm zujubelte. Bemerkenswert ist allerdings, dass alle 4 Evangelien davon erzählen und dass sie darin übereinstimmen, dass Jesus dabei wie ein König bejubelt wurde. Wichtig ist auch, dass die Titulierung Jesu als König nur wenige Tage später noch einmal ein wichtiges Thema wird – und zwar wiederum übereinstimmend in allen 4 Evange­lien: bei Jesu Einvernahme durch Pilatus und in Form dieser Spotttafel „INRI“, die bei der Kreuzigung über seinem Kopf angebracht wurde.

Von Bedeutung halte ich dieses Königsthema deshalb, weil es die Person Jesu insgesamt in einen eminent politischen Kontext stellt: Die Titulierung als König macht Jesus eindeutig zu einer politischen Persönlichkeit – und zwar sowohl für seine Anhänger, die vielfach sehr handfeste Erwartungen in sein messianisches Königtum setzten, als auch für seine Gegner in den Reihen des religiösen und politischen Establishments jener Zeit. Es mag zwar unwahrscheinlich klingen, dass die Weltmacht Rom diesen Sandalen-bewehrten Wanderpre­diger aus Galiläa als ernste Gefahr fürchtete; aber es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass Jesus schließlich als politischer Verbrecher hingerichtet wurde, nämlich in Form der für politische Aufrührer und Feinde der Staatsmacht vorgesehenen Kreuzigung.

Diese starke politische Komponente in der Persönlichkeit Jesu und insbesondere am Ende seines Lebens ist wiederum von zentraler Bedeutung für das Selbstverständnis des Chris­tentums in seinem Weltbezug. Da ist auf der einen Seite freilich die Tatsache, dass Jesus die messianischen Hoffnungen offensichtlich nicht erfüllen konnte oder wollte, die seine Anhängerschaft in ihn gesetzt hatte: die Hoffnung etwa auf Befreiung von der römischen Fremdherrschaft oder die Hoffnung auf soziale Umwälzungen und die Errichtung eines Friedensreiches durch sein machtvolles Eingreifen. Diese Tatsache verbietet eine vorder­gründige Instrumentalisierung christlichen Glaubens für unmittelbare politische Zwecke und Interessen, gewiss. – Es ist aber genauso eine Tatsache, dass Jesus in seinem Reden und Handeln dennoch als politische Persönlichkeit verstanden wurde und als solche auch starb. Und das wiederum verbietet jegliche „Spiritualisierung“ christlichen Glaubens zur Privat­angelegenheit zwischen den einzelnen Glaubenden und Gott; es ist eine Absage an eine apolitische Frömmigkeit ohne direkten Bezug zum Verhalten des einzelnen Glaubenden gegenüber seiner Mitwelt bzw. ohne konkrete Auseinandersetzung mit den sozialen Verhält­nissen, in denen sein Glaube sich manifestiert.

So problematisch also die Vereinnahmung Jesu, seines Evangeliums oder seiner Kirchen für die Umsetzung spezifischer politischer Ziele durch Einzelne oder politische Parteien sein kann – ein noch ungleich größerer Verrat an Jesus und seinem Evangelium ist die völlige Entpolitisierung christlichen Glaubens! Das ist all jenen ins Stammbuch zu schreiben, die Religion zur reinen Privatsache degradieren und aus dem öffentlichen Raum verbannen bzw. aus dem gesellschaftspolitischen Diskus ausklammern möchten. Das ist noch viel mehr all jenen vermeintlich Frommen ins Stammbuch zu schreiben, die zwar Jesus für sich reklamie­ren, aber weder den Mund auf- noch die Hände in Bewegung bringen, wenn es Partei zu ergreifen gilt für Schwache, Notleidende, an den Rand Gedrängte bzw. gegen Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und das Gesetz der Stärkeren.

Es mag de facto und leider allzu oft in dieser Welt Politik ohne christliche Beteiligung geben. Es kann aber umgekehrt kein Christentum geben, das sich in politischer Abstinenz übt und sich darin vielleicht auch noch gefällt. Das zu erinnern gehört zum Kern dieser besonderen Tage im Kirchenjahr, die dem Ende des irdischen Lebens Jesu gelten: seinem Leiden und Sterben – als gefährlicher Aufrührer und Volksverhetzer für die Einen, als gewaltloser Friedenskönig für andere, in jedem Fall aber als politische Persönlichkeit.


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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)