Die aktuelle Predigt

Christkönig – A: Ez 34,11-12.15-17a

(22. XI. 2020)

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„Jeder Mensch ist ein König.“ – Das ist die zentrale Aussage des Christkönigsfestes. Denn wenn zwar Christus als König gefeiert wird, dann ist damit kein exklusiver Star-Kult verbunden; als König gefeiert wird vielmehr der Mensch gewordene Gott. Und der ist in seiner Menschwerdung nicht in die Rolle eines Super-Helden geschlüpft, sondern – wie Paulus in einem seiner Briefe sagt – der Geringste unter den Menschen geworden. Wenn nun aber der Geringste Königswürde besitzt, dann doch auch alle übrigen Menschen.

Es ist auffallend, dass die zugleich etwas anachronistisch anmutende Botschaft des relativ jungen Christkönigsfestes (Die Zeit der Monarchien gehört doch weitgehend der Vergangenheit an.) in den letzten Jahren vielfach aufgegriffen wurde in der zeitgenössischen Kunstszene. Wenn man in Internet-Suchmaschinen den Satz „Jeder Mensch ist ein König.“ eingibt, erhält man als Suchergebnisse neben einigen Predigten zum Christkönigssonntag v.a. Berichte von Kunstprojekten und -aktionen unter genau diesem Titel. Diese Kunstaktionen verfolgen durchaus im Sinne der christlichen Botschaft das Ziel, daran zu erinnern, dass jedem Menschen Würde zukommt, selbst und gerade jenen Under-Dogs, die am weitesten draußen an den Rändern unserer Gesellschaft leben: Obdachlose, Flüchtlinge, Drogenabhängige, Sträflinge, …

Beim Lesen des Beitextes zu einer dieser Kunstaktionen bin ich allerdings stutzig geworden: „Jeder Mensch ist ein König = Jeder Mensch ist ein Souverän = Jeder Mensch ist souverän.“, ist da zu lesen. Klingt richtig, ganz im Sinne eines aufgeklärten Bildes vom Menschen als mündiges, selbstbestimmtes Wesen, ganz im Sinne auch der Menschenrechte, deren Basis die unverfügbare Würde des Menschen darstellt. Vor einigen Monaten hätte ich dem noch bedenkenlos zugestimmt. Heute möchte ich das nicht mehr unkommentiert stehen lassen.

In wenigen Tagen entscheidet der österreichische Verfassungsgerichtshof über eine Aufhebung des Verbots von aktiver Sterbehilfe bzw. der Beihilfe zum Suizid. Gegner dieses Verbotes argumentieren zumeist mit dem Recht auf persönliche Selbstbestimmung, die wiederum in der Menschenwürde verankert sei. Dieses Recht auf Autonomie umfasse in letzter Konsequenz auch eine souveräne Entscheidung über das eigene Lebensende. Dieser Auffassung ist im Februar d.J. auch das deutsche Bundesverfassungsgericht gefolgt und hat damit einer durch Umfragen erhobenen Mehrheitsauffassung unserer Gesellschaften entsprochen. Als Christ kann ich da nicht zustimmen.

Zum Einen wird der Begriff der Menschenwürde hier auf die Ausübung eines souveränen Selbstbestimmungsrechts reduziert. Menschenwürde kann aber weder erworben, hergestellt oder verfügt noch verloren, abgesprochen oder zerstört werden. Sie unterliegt also nicht menschlichem Zugriff. Menschenwürde kommt einem Menschen (bedingungslos) zu, weil er als Mensch geboren wurde – ohne jede Entscheidung oder sonstige Mitwirkung durch ihn selbst oder eine andere Instanz, höchstens Gott. Die dem Menschsein inhärente Würde ist also unverfügbar. Nichts und niemand kann einem Menschen seine Würde nehmen, solange ihr Träger ein Mensch ist – nicht einmal der Träger dieser Würde selbst!

Selbst die königliche Souveränität, die das Christkönigsfest jedem Menschen zuspricht, hat ihre Grenze also an der Königs- bzw. Menschenwürde selbst. Sie ist unverfügbar – nicht nur in der Person eines anderen Menschen, sondern auch in der eigenen! – Mit der christlichen Botschaft von der Königswürde jedes Menschen ist also vielleicht doch etwas Anderes gemeint als die Erklärung jedes Menschen zum absoluten Monarchen. Dieses Konzept ist zu individualistisch.

Die heutige Lesung aus Ezechiel legt den Fokus demnach auch auf eine ganz andere Dimension des Königsamtes: Der König als guter Hirte. Der biblische Königsbegriff gründet nicht so sehr in der Vorstellung eines absoluten Souveräns, sondern in der absoluten Verantwortung für Andere. Das biblische Königsamt verwirklicht sich nicht in der Ausübung eines unumschränkten Freiheitsrechts, sondern in Schutz, Sorge und Dienst am Leben der ihm Anvertrauten.

Wenn demnach jeder Mensch ein König ist, dann sind auch alle füreinander verantwortlich, selbst am Lebensende, selbst dann noch, ja gerade dann, wenn erlittenes Leid einen Menschen dazu bringt, an seiner eigenen Würde zu zweifeln. Gerade dann berechtigt, ja verpflichtet die menschliche Königswürde dazu, nicht das Leben eines Leidenden zu beenden, sondern vielmehr das Leid, welches das Würdeempfinden eines Menschen anzugreifen und zu gefährden vermag.

Die christliche Botschaft sagt: „Ja, jeder Mensch ist ein König – aber nicht in Gestalt eines absoluten Herrschers, sondern eines Hirten und Hüters des Lebens und seiner Würde!“


Nächste Predigt: 1. Advent – B, 29. XI. 2020

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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)