Die aktuelle Predigt

2. Fastensonntag: Röm 8,31b-34.38f

(Linz − Ursulinenkirche, 28. II. 2021)

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Nachdem am 1. Fastensonntag ein Wort unseres Bischofs zur Fastenzeit den Raum der Predigt eingenommen hat, heute ein Wort der englischen Queen – zwar nicht anstelle meiner Predigt, aber immerhin als ihr Ausgangspunkt: Vor wenigen Tagen wandte sich die greise Monarchin anlässlich ihrer Covid19-Impfung an ihr Staatsvolk. Bezugnehmend auf die auch dort verbreitete Impf-Skepsis sagte sie sinngemäß, sie verstehe zwar die Angst vieler Menschen vor einer Impfung, aber man solle doch einfach weniger an sich selbst und mehr an andere denken.

„… weniger an sich selbst und mehr an andere denken …“ – Das ist in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie freilich nicht nur ein gutes Argument gegen die Angst vor einem kleinen Nadelstich, sondern auch in Hinblick auf das Gegenteil von Angst: nämlich Leichtsinn und Fahrlässigkeit – ganz besonders, wenn dieser Leichtsinn auch noch religiös verbrämt und vermeintlich fromm daherkommt. Dazu könnte nämlich die berühmte Passage aus dem Römerbrief des Apostels Paulus verleiten, die wir vorhin gehört haben: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“ Und: Nichts kann „uns scheiden von der Liebe Gottes“.

Dieses Paulus-Wort ist tatsächlich ein grandioses Wort gegen jede Form von Angst und ein wunderbares Trostwort für Menschen in Not und Bedrängnis. Der Apostel sagt seinen Adressaten: „Was immer Dir widerfahren mag – Du bist geborgen in Gott. Du kannst nicht verloren gehen. Es kann Dir nichts, nichts (!) passieren.“ – Leider steckt in dieser Botschaft aber auch eine religiöse Versuchung, und der ist in den vergangenen Monaten zuweilen nachgegeben geworden. V.a. ultraorthodoxe und fundamentalistische Fanatiker erliegen dieser Versuchung besonders leicht, aber auch vermeintlich Bibelfromme und Evangelikale. Sie setzen ganz auf die Liebe Gottes und halten das für das beste Medikament in der Corona-Pandemie. Dabei ist ihnen bis zu einem gewissen Grad sogar recht zu geben: Gottvertrauen vermag tatsächlich Angst zu nehmen; selbst im Falle einer tödlich endenden Erkrankung würde niemand tiefer fallen als in die Hände Gottes. – Weshalb sich also an Abstandsregeln und andere Pandemie-Maßnahmen halten? Wozu noch eine Impfung? Der Glaube an Gott sei doch das beste Immunsystem und letztlich ein Freibrief.

Das Problem an so einer Haltung: Sie scheint nicht nur gegen Angst zu immunisieren, sondern auch gegen die Liebe – die Liebe zum Nächsten, die sich zuvorderst erweist in Respekt und Rücksichtnahme auf die Menschen in der eigenen, nächsten Umgebung. Dem Frommen mag es meinetwegen unbenommen sein, sich zu infizieren, am oder mit dem Virus zu sterben und sich in die Hände Gottes fallen zu lassen. Aber es gibt nun einmal nicht nur ihn und seinen Gott auf dieser Welt! Ein Glaube, der das vergisst, ist in Wahrheit nichts als pure Egozentrik, und hat mit echter Gottesliebe nicht das geringste gemein.

Es ist gewiss edel und sogar heldenhaft, aus echter Gottes- und Nächstenliebe vom eigenen Leben abzusehen und es für andere einzusetzen und u.U. sogar zu verlieren. Aber kein Gottvertrauen legitimiert dazu, vom Leben anderer abzusehen und es zu gefährden.

Die Queen hat jedenfalls ganz recht: „… weniger an sich selbst und mehr an andere denken …“ – nicht nur, um dadurch die eigene Impf-Skepsis zu überwinden, sondern auch, um sich weiter in Geduld und Rücksichtnahme zu üben und an die Pandemie-Maßnahmen zu halten, solange es noch nicht genügend Impfungen und keine Herden-Immunität gibt. Gottvertrauen alleine ist hier jedenfalls fehl am Platz! Denn Vertrauen und Liebe zu Gott erweist sich diesfalls, nein: generell in der Zuwendung zum Nächsten und in der Sorge um sein Leben.


Nächste Predigt: 3. Fastensonntag – B, 7. III. 2021

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Die Wahrheit ist
dem Menschen zumutbar.

(Ingeborg Bachmann)
 
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