Die aktuelle Predigt

6. Sonntag im Jahreskreis – A: Mt 5,17-37

(Linz – Ursulinenkirche, 16. II. 2020)

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Dieser Abschnitt aus der großen Bergpredigt Jesu ist nicht leicht zu verdauen. Jesus scheint hier weniger der unbedingt Liebende zu sein, der aus Barmherzigkeit und innerer Freiheit heraus geltende Normen übertritt, indem er etwa am Sabbat Kranke heilt, indem er Aussätzige berührt, eine Ehebrecherin vor der Steinigung schützt oder bei öffentlichen Sündern zu Tisch sitzt. Hier scheint man es stattdessen mit einem moralischen Perfektionisten und rigoristischen Eiferer zu tun zu haben, dem selbst 100% Normerfüllung noch zu wenig sind.

Ich komme mit diesem Abschnitt der Bergpredigt nur einigermaßen zu Rande, wenn ich mich auf den meiner Meinung nach wichtigsten Vers darin konzentriere: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ – Hier wird ganz klar ein Gegensatz aufgebaut: Dort die „Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer“, hier die weit größere Gerechtigkeit Jesu.

Mit Blick auf den gesamten Grundkonflikt Jesu mit dem religiösen Establishment seiner Zeit ist mit „Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer“ wohl gemeint: unbedingte Treue zum mosaischen Gesetz – und zwar dem Buchstaben nach; wörtliche Normerfüllung; Absolutsetzung des Gesetzestextes um seiner selbst willen. Vergessen wird hierbei: Gott hat seinem Volk die Gebote ja nicht gegeben, damit es militärischen Gehorsam lernt oder zu einem Volk pedantischer Erbsenzähler wird, sondern letztlich als Hilfe und Orientierung für ein Leben und Zusammenleben in Frieden, Gerechtigkeit und v.a. Liebe. Diese ist ja nach Paulus bekanntlich die „Erfüllung des ganzen Gesetzes“ (Röm 13,10).

Mit „größerer Gerechtigkeit“ meint Jesus also gewiss nicht Übererfüllung des Gebotenen, sondern seine Erfüllung dem tieferen Sinn und Zweck nach. Der Zweck einer Geschwindigkeits-Beschränkung im Straßenverkehr besteht ja bekanntlich auch nicht in der Dressur der Autofahrer, sondern sie will Sicherheit und gegenseitige Rücksichtnahme unter den Verkehrsteilnehmern gewährleisten. Analog dazu geht es bei den göttlichen Geboten nie um Disziplinierung der Gläubigen, um moralisches Leistungsdenken od. dgl. Es geht um höhere Werte, die ein gutes Leben gewährleisten können. – Eigentlich ganz einfach …

Was aber für die göttlichen Gebote gilt, sollte das nicht auch Maßgabe sein für die Gesetze unserer Kirche? – Der erst kürzlich gestartete synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland hat einige heiße Themen der längst überfälligen Kirchenreform genauso erneut zum Kochen gebracht wie die Amazonien-Synode im vergangenen Herbst und das jetzt dazu erschienene nachsynodale Schreiben des Papstes. Es war vielerorts erwartet worden, dass sich doch endlich etwas zu bewegen beginnt in der kirchlichen Ämterfrage – in Hinblick auf die Zulassung von Frauen zum Weihesakrament etwa, auf die priesterliche Zölibatspflicht etc. Jetzt wieder nichts – außer Enttäuschung und Frustration unter vielen Betroffenen! Schon im Vorfeld der genannten synodalen Prozesse haben v.a. bischöfliche „Lordsiegelbewahrer“ der Tradition immer wieder z.B. den „hohen Wert“ des priesterlichen Zölibats für die gesamte Kirche beschworen (ohne diesen freilich in den meisten Fällen näher zu erläutern). – Der bekannte brasilianische Theologe Paulo Suess, selbst Teilneh­mer an der Amazonien-Synode als theologischer Experte und jetzt schwer enttäuscht vom nachsynodalen Schreiben des Papstes, hat die meiner Meinung nach substantiellste Begründung für seine Enttäuschung abgegeben: Es ginge bei den Forderungen nach neuen Zulassungsbedingun­gen zum Weiheamt doch gar nicht z.B. um „Zölibat – ja oder nein?“; es ginge doch um ein weitaus wichtigeres Anliegen: um die Gewährleistung der Eucharistie­fähigkeit der christlichen Gemeinden angesichts des unleugbaren, eklatanten Mangels an Priestern. Gerade die Eucharistie würde doch von unzähligen Dokumenten des kirchlichen Lehramtes als „Quelle und Höhepunkt“ des gesamten kirchlichen Lebens beschworen! Wenn aber die fast 1.000jährige Zölibatspflicht oder das leider noch viel ältere Verbot der Frauenweihe diesen klar höheren Wert beeinträchtigen, dann hätten sie eben zu weichen!

„Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“


Nächste Predigt: 7. Sonntag im Jahreskreis − A, 23. II. 2020

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